Chorsänger, Laienschauspieler, Performance-Tänzer, Dichter und Erwerbslosen-Aktivist

Seit 2013 singe ich im BettlerChor und manchmal kümmere ich mich dabei auch ums Mischpult. Zur gleichen Zeit begann ich auch, Theater zu spielen beim „SALTO Trinational“. 2014 sang ich beim Theater Freiburg in einem für den Theaterparcours „SCHWARZ WALD STRASSE“ gegründeten Chor namens „Die Nomaden der Zukunft“ unter der Leitung von Bernadette La Hengst, die ich über den BettlerChor kennengelernt hatte (Link zum Video siehe unten). 2015 hatte ich meinen ersten Auftritt mit dem Theater Komplex (damals TheaterClub der Lebenskünstler) im E-Werk. Ebenfalls 2015 wurde ich vom Theater Freiburg in den neu gegründeten Flashmob-Chor „attacca!“ aufgenommen. Dieser wurde nach dem Ende der Intendanz von Barbara Mundel umbenannt in „Community Oper Freiburg“, wird seitdem getragen von einem eigens gegründeten gleichnamigen Trägerverein (Link siehe unten) und hat an der Musikhochschule eine neue Heimat gefunden. 2016 trat ich mit den beiden Tanz-Performances „A song to…“ und „BOOM“ im Großen Haus des Theaters Freiburg auf. „BOOM“ wurde ausgewählt für das 3. Internationale Bürgerbühnenfestival, welches 2017 in Freiburg stattfand. Außerdem führte ich mit „ATTACCA!“ (so die Schreibweise in dieser Spielzeit), begleitet vom „Heim und Flucht Orchester“, das halbszenische Konzert „Aufbruch“ auf der Hinterbühne auf. So komme ich insgesamt auf zehn Auftritte im Großen Haus (Stand Mitte 2019).

Inzwischen ist meine Kunst wirklich alles für mich: Sie ist meine (wenn auch ehrenamtliche) Arbeit, meine Freizeit, meine Leidenschaft, meine Form der politischen Betätigung, ja sogar gewissermaßen meine „Religion“ (denn auf der Bühne muß man total präsent sein, ganz im Hier und Jetzt – ein abschweifender Gedanke kann ausreichen, daß ein Patzer passieren kann!). Dabei entstehen immer wieder auch die schönsten Freundschaften, wie ich sie zuvor nicht für möglich gehalten hätte. Wenn man sich offen und ohne Erwartungen aufeinander einläßt, kann das Unerwartbare geschehen…

Zuvor war mir im Leben kein Erfolg beschieden. Mir scheint, in unserer Gesellschaft zählt nur der Schein und nicht das Sein. Auf dem Papier bin und kann ich nichts, denn für meine vielfältigen Talente habe ich keine Abschlußzeugnisse und Zertifikate. Nachdem ich mich längere Zeit mit geringfügigen Beschäftigungen durchschlagen mußte, von denen ich nicht leben konnte, wurde ich vom Sozialamt in verschiedene Beschäftigungsmaßnahmen gesteckt. Anschließend ergab sich die Gelegenheit, zum 02.02.2002 mein eigenes Gewerbe anzumelden.

Viele Leute wunderten sich, daß sich hier, in der ehemaligen „Ökohauptstadt“ Freiburg, mit Transporten per Fahrradanhänger kein Geld verdienen ließ (Ladefläche zwei Meter, Zuladung bis 200kg). Doch ich hatte fünf Jahre lang Verlust gemacht und die restlichen zehn Jahre kam nicht mehr als ein Taschengeld dabei raus. Deshalb mußte ich mein Einkommen mit Arbeitslosengeld II (umgangssprachlich „Hartz IV“) „aufstocken“. Die meisten meiner Kund*innen hatten in einem bestimmten Möbelladen, der mich empfahl, etwas gekauft, was sie nicht ins Auto kriegten…

Anfang 2017 wurde vom Ärztlichen Dienst der Agentur für Arbeit eine volle Erwerbsminderung bei mir festgestellt (umgangssprachlich Erwerbsunfähigkeit). Daraufhin habe ich mein Gewerbe abgemeldet. Ich war vollkommen ausgebrannt. Seitdem bekomme ich eine Mini-Rente plus Grundsicherung.

Bis dahin hatte ich fast alle Büroarbeiten selber gemacht: Werbung, Formulargestaltung, Erstellung von Tabellenkalkulationen, Auftragsannahme, Rechnungstellung, Buchhaltung, Steuererklärung usw. sowie den daraus resultierenden umfangreichen, überaus komplizierten und aus betriebswirtschaftlicher Sicht absurden Papierkrieg mit dem Jobcenter. Das hatte ich mir alles selber beigebracht, aber ohne abgeschlossene Ausbildung hätte mich z.B. niemand als Buchhalter einstellen dürfen. Für die kapitalistische Profitwirtschaft war ich so anscheinend nicht verwertbar und auch für den öffentlichen Dienst nicht zu gebrauchen: Nicht qualifiziert und zugleich überqualifiziert, außerdem zu alt (Jahrgang 1970). Nun ja – ich kann jetzt eh nicht mehr und bin raus aus dem Spiel…

Ich muß dazusagen, daß das Schauspielern, Singen und Tanzen als Laie extrem weit von den Bedingungen des Arbeitsmarkts entfernt ist – und auf diese Bedingungen bezieht sich die Definition, ob jemand als erwerbsfähig, teilweise oder voll erwerbsgemindert eingestuft wird. Auch das, was gelernten oder studierten Schauspieler*innen, Sänger*innen und Tänzer*innen an Theatern abverlangt wird, würde meine Belastungsgrenze bei weitem überschreiten. Und ich bin auch nur dadurch dazu in der Lage, daß ich alle Kraft und Energie, die ich dafür brauche, genau daraus schöpfen kann. Ich muß lichterloh brennen vor Begeisterung, sonst geht gar nichts.

Von Anfang an bin ich – mit zeitweisen Unterbrechungen – bei der Montagsdemo gegen Hartz IV und Sozialabbau aktiv, die seit dem 23.08.2004 fast jeden Montag stattfindet (seit 2019 nur noch einmal im Monat) und sich zunächst gegen das Inkrafttreten des Vierten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (genannt „Hartz IV“) wandte, mit dem zum 01.01.2005 das Zweite Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) eingeführt wurde. Seitdem fordert sie dessen Rücknahme.

Des weiteren wurde ich 2014 in den Bezirkserwerbslosenausschuß von ver.di Südbaden gewählt und war in meiner ersten Amtsperiode dessen Koordinator. Seit einer Fusion zum Jahreswechsel 2018 / ’19 heißt der jetzige ver.di-Bezirk Südbaden-Schwarzwald. 1996 begann ich, Gedichte (oder zumindest so etwas Ähnliches) zu schreiben, nachdem mich ein verkrachter Dichter, der im selben Haus wohnte, dazu inspiriert und ermutigt hatte.

Meinen anderen Traum, zu singen und Theater zu spielen, hatte ich so gut wie aufgegeben, als Maren und Dietrun mich überraschend zu den Bettlerchorproben einluden. Und dann gab eins das andere. Das tut mir sehr gut, und ich liebe es sowohl zu singen als auch vieles, was tief in mir verborgen ist und oft im Widerspruch zu meiner im „normalen“ Leben gespielten Persönlichkeit steht, zu entdecken, herauszulassen und auf der Bühne auszuleben. Das macht es mir auch leichter, abseits der Bühne zumindest ansatzweise das zu spielen, was hierzulande von einem „erwachsenen Mann“ erwartet wird. Ich lehne diese ganzen Rollenklischees ab und fände es gut, wenn die Menschen endlich aufhören würden, sich zu verstellen und von allen Anderen zu erwarten, sich ebenfalls auf eine bestimmte Weise zu verstellen. Merkt Ihr denn nicht, daß Ihr Euer ganzes Leben lang nur Theater spielt und niemals Ihr selber seid – bzw. sein dürft?!

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Gedichte:

Einige ausgewählte Gedichte von mir – das Herunterladen, Ausdrucken und die unentgeltliche, unveränderte nichtöffentliche Weitergabe wird für private Zwecke hiermit gestattet; in allen anderen Fällen (insbesondere öffentlicher Vortrag) bitte ich um eine Anfrage an bodhi-amish(ät)sonnenkinder.org:

Fotos:

Und noch ein paar schöne Fotos, die ich gemacht habe; die folgende CC-Lizenz gilt nur für diese Fotos:

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